"An
der Grenze der Leistungsfähigkeit"
Aus
"Lindauer Zeitung" vom 15.03.2002
LINDENBERG/LINDAU (pem/kr)-
Hilfeschreie hallen durch die Dämmerung, Rauchschwaden wabern aus
Fensterhöhlen. Explosionen erschüttern die Luft. Dutzende Verletzte
liegen unter Schutt und Eisen begraben, giftige Stoffe dringen aus.
Erschreckendes Szenario für die größte Katastrophenschutzübung, die
der Landkreis bisher gesehen hat. 500 Einsatzkräfte kämpfen sich auf dem
Reich-Gelände in Lindenberg gegen ein Inferno. "Wir sind bei dieser
Übung an die Grenze unserer Leistungsfähigkeit gelangt", sagt
Kreisbrandrat Friedhold Schneider.
Alle fünf Jahre sind
Katastrophenschutzübungen für den Landkreis Pflicht. Vor allem das
Zusammenspiel mehrerer Hilfsorganisationen und die Koordination im
Landratsamt sollen geübt werden. In so großem Umfang wie am
Mittwochabend ist das im Landkreis noch nie geschehen. Damit es nach
außen hin auch nach Katastrophe aussieht, sorgen Pyrotechniker und
Sprengmeister des THW Kempten für Feuer und Explosionen. Und auch für
Verletzte ist gesorgt. 100 Soldaten der Bundeswehr sind angerückt, um sie
zu mimen.
Als Haupt-Übungsobjekt haben sich die Organisatoren die frühere
Hutfabrik Reich ausgesucht. Nach einer Explosion im Kesselhaus ist ein
Brand ausgebrochen, 76 Menschen müssen gerettet werden. Sie liegen
zwischen Keller und Dachboden in allen Geschossen. "Ein weitläufiges
verschachteltes Gebäude", sagt Schneider. Die Arbeit der
Rettungskräfte wird zusätzlich erschwert. An drei Stellen tritt Benzol
und Flusssäure aus, schließlich brennt der ganze Dachstuhl, angrenzende
Häuser sind bedroht. Aus einem nahe gelegenen Altenheim müsse 40
Menschen -als Statisten dienen Jugendliche- evakuiert und in
Notunterkünfte gebracht werden.
50 Minuten nach Beginn der Übung löst der Stab im Landratsamt
Katastrophenalarm aus. 220 Feuerwehrler, 80 Männer und Frauen des
Technischen Hilfswerkes , 50 Kräfte des BRK, ein Dutzend Hundeführer und
20 Polizeibeamte sind in Lindenberg im Einsatz. "Technisch und
personel ist das die Schmerzgrenze", sagt Schneider. Weitere
Einssatzkräfte hätten im Ernstfall aus den umliegenden Landkreisen
angefordert werden müssen.
trotz des Großaufgebotes an Helfern ist die Bergung langwierig. Zwei
Stunden nach Alarmierung sind 65 verletzte aus der Hutfabrik gerettet,
dazu ein Toter, zehn Menschen werden noch vermisst. Die Bergung ist das
eine, die Versorgung der Verletzten das andere. Im Haus wird ein
Notlazarett aufgebaut, die Verletzten vor dem Abtransport erstversorgt.
Drei Notärzte stehen zur Verfügung. viel zu wenig, um die teils schwerst
verletzten Soldaten versorgen zu können. Im Ernstfall, glaubt Leitender
Notarzt Dr. Thomas Fischer, gäbe es diesen Engpass nicht. "Dann
wäre die Zahl der Notärzte wesentlich höher." 15 bis 20
Notfallmediziner würden sich dann um die Menschen kümmern.
Und: Die Katastrophe bleibt nicht auf Lindenberg beschränkt. Das giftige
Gas-Wassergemisch läuft in Moos und Mühlbach. Fünf Wanderer im
Goßholzer Tobel verlieren durch die giftigen Dämpfe erst die
Orientierung, dann die Besinnung. einer kann gerade noch per Handy seine
Koordinaten durchgeben, bevor er in Ohnmacht sinkt. Ein Fall für die
Rettungshundestaffel St. Georg Lindenberg und Polizeihundeführer. Im
Tobel ein schweres Unterfangen. Zwei Stunden nach der Alarmierung sind
drei der fünf Vermissten aufgespürt. der Rest bleibt bis Abbruch der
Übung verschwunden. Die Soldaten hatten sich im Gelände so gut getarnt,
dass sie vom eigenen Stabsunteroffizier nicht auf Anhieb gefunden wurden.
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