Sprengtrupp

Lawinensprengen

Lawinensprengbahn:

Diese Lawinensprengbahn befindet sich am "Falken" nähe Steibis im Allgäu.

Anbringen der Sprengladung am Elektroschaltkasten der Lawinensprengbahn durch den Sprengberechtigten selbst.
Das Anzünden der Ladung erfolgt durch den Sprengberechtigten.

Jeden Winter gehen zahlreiche Schneelawinen unkontrolliert ab. Die Schäden, die dabei entstehen, gehen in die Millionenhöhe. Leider müssen auch immer wieder Menschenleben beklagt werden. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat das THW in den Gebirgsnahen Ortsverbänden, Lawinensprengtrupps eingerichtet. Wie die Sprengtrupps arbeiten, erzählt dieser Erlebnisbericht.

Alarmierung 

12.30 Uhr, der Funkalarmempfänger schrillt. „Einsatz Lawinensprengen, Meldung in der Unterkunft“ lautete die Durchsage. Lawinensprengen ! Ich rechne in der Winterzeit immer wieder mit dieser Alarmierung. Gott sei Dank habe ich im Spätherbst meine Ausrüstung bereits zurechtgelegt. Skihose, Skibrille, mehrere paar warme Socken, dicke Handschuhe und Pudelmütze. Die THW-Bekleidung ist zwar für Regenwetter ganz brauchbar, für diese Art der Einsätze bei Sturm, Schneetreiben und oft bis mehrere Minusgrade an Kälte leider nicht aus-reichend. So wird unsere Ausrüstung einfach durch Private ergänzt.

Jetzt ab zur Unterkunft beim Sprengmeister melden. Die ersten zwei Helfer die sich melden, können mit. Leider gar nicht so einfach. 20 Helfer werden durch unsere kleine Alarmschleife alarmiert, wer zum Lawinensprengen mitgeht wird aber nicht vom Arbeitgeber befreit. Urlaub für einen Tag ist angesagt. Kurzfristig! Unter 6-8 Einatzstunden geht beim Lawinensprengen gar nichts.

Ich kam als erster in der Unterkunft an. Vier weitere Helfer kurz danach. Nach Rücksprache mit unserem Sprengmeister Johann (Hans) Brombeis, der seit 15 Jahren im Winter diese Strapazen und zugleich Feinarbeit mit Fingerspitzengefühl bei oft minus 15 Grad durchführt, fällt die Entscheidung, dass ein Helfer der noch nie dabei war und ich mit können. Für mich persönlich wird dies meine dritte Sprengung.

Ausgebildet sind wir ja. Wir kennen die Sprengbahn vom Sommer her wo Hans  Brombeis uns Jahr für Jahr alles erklärt, zeigt und Stück für Stück die Handgriffe durchgeht, so das im Einsatzfall die Arbeit Hand in Hand gehen kann. An solchen Ausbildungstagen muss sich unser Sprengmeister zahlreichen Fragen stellen: „Mit was für einen Stoff wird gesprengt? Wie viel Kilogramm nimmt man? Wie lange brennt die Zündschnur?“ Fragen über Fragen. Geduldig werden von Hans Brombeis aber immer alle Fragen fachmännisch beantwortet. Schließlich wird aus-gebildet. Und je besser wir vorbereitet sind, desto schneller geht die Arbeit im Einsatzfalle von sich, wenn der laute Dieselmotor für den Elektroantrieb der Seilbahn vor sich hin knattert, oder der eisige Wind mit oft mehr als 100 Kilometer pro Stunde einen um die Ohren pfeift dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. 

Abfahrt 

Vier Funkgeräte (2m-Band) werden im Rucksack verstaut, die Schneeketten des VW-Busses bereit gelegt und los geht’s. 13.00 Uhr Abfahrt. Die Anfahrt bis ins Allgäu dauert ungefähr 40 Minuten. Die Straßen sind frei. Nach ungefähr 35 Kilometer kann man die Schneebedeckten Berge aus der Nähe bestaunen. Die Bäume lassen viel Schnee erahnen. Endlich am Ziel wird unser Verdacht bestätigt. 60 Zentimeter Neuschnee sind gefallen. Die Sicht ist heute aber ganz erträglich. Ein Anruf bei der Bergstation verheißt nichts gutes. Keine Zufahrt bis zur Mittelstation, von der wir normalerweise  auf die Pistenraupe umsteigen, auch mit Schneeketten möglich.

Neue Entscheidung 

Nach telefonischer Abklärung mit  dem Hüttenwirt Sepp der Berghütte wird festgelegt, dass wir mit unseren VW-Bus einen Kilometer zurückfahren und mit der Sesselseilbahn der Schneeraupe entgegen fahren. Gesagt getan. 12 Minuten Fahrzeit schwebend über einer wunderschönen Schneelandschaft, unter einem zahlreiche Schifahrer, so könnt ich mir das öfters vorstellen.

Fußmarsch 

14.10 Uhr: An der Bergstation der Seilbahn angekommen. Jetzt heißt es weiter auf „Schusters Rappen“. Zu Fuß, dick eingemummt, Rucksack mit Funkgeräte, Sprengwerkzeug, Thermoskanne mit heißem Tee, stapfen wir durch den tiefen Schnee. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Ein erhebender Anblick breitet sich einem in den Bergen aus. Anstrengend ist es trotzdem. Immer wieder bricht man in den weichen Schnee ein. 35 Minuten Spaziergang zu Hause sind kein Problem. 35 Minuten unter diesen schweren  Bedingungen kommen mir wie drei Stunden vor. Das wird wohl Muskelkater geben.

Endlich! Die Pistenraupe ist in Sicht. Schnell das Gepäck verstaut, ab auf die Ladefläche, Skibrille auf und gut festhalten. Sepp der Berghüttenwirt ist ein erfahrener „Pistenraupenpilot“. Das weiß ich. Trotzdem wird es einem manchmal schon Angst und Bange wenn’s so steil den Berg rauf geht, dass man nur noch gegen den Himmel sieht. Aber besser wie laufen ist es allerweil. 

Routine 

Mein Blick auf die Uhr zeigt 15.00 Uhr. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Da, die Sprengbahn! Jetzt wird alles zur Routine. Sepp wird mit einem Funkgerät ausgestattet und fährt weiter bis zum Gipfel um dort die Straße, über die später die Lawine hinwegdonnern wird, zu sperren. Michael, unser „Neuling“ beim Lawinensprengen, sperrt unterhalb der Sprengbahn die Straße und ist ebenfalls über Funk mit uns in Kontakt. Sprengmeister Hans Brombeis und ich übernehmen die eigentliche Sprengung. 

Vorbereitung 

Als erstes wird das Dieselaggregat für die Stromversorgung der Sprengbahn in Betrieb genommen. Etwas zäh durch die Kälte läuft es widerwillig an, so als ob es gar unsanft von uns aus seinem Winterschlaf gestört wurde. Als nächstes geht’s zum Sprengstoffbunker. Fünf verschiedene Schlüssel werden benötigt um an das hochbrisante Material zu gelangen. Drei 25 Zentimeter dicke Stahltüren werden geöffnet. Ich staune! „12,5 Kilogramm Sytex werden benötigt“ erklärt Hans Brombeis. Eine Ladung mit 7,5 Kilogramm und eine zweite mit 5 Kilogramm. Dazu 18 Meter Zündschnur mit vier Sprengkapseln. Alles genau ausgerechnet. Auch die Jahre-lange Erfahrung beim Lawinensprengen fließt hier mit ein. Mann kann eben nicht alles auf Lehrgängen erlernen. Die Praxis bringt’s. 

Die Sprengladungen 

Zwei Holzstäbe mit je 1,5 Meter Länge werden bereitgestellt. An einem Stab werden drei Stangen Sytex fest-gebunden und an dem zweiten, zwei Stangen. Fühlt sich an wie Knetmasse noch frisch verpackt. Jeder Handgriff sitzt. Viel Gelegenheit zum Reden haben wir nicht. Das Dieselaggregat ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Der Wind hat auch zugenommen. Außerhalb des Unterstandes könnten wir uns zwar besser verständigen, aber ungeschützt im Freien steht man auch nur so lange wie unbedingt nötig. Außerdem kommt die Hauptarbeit auf der offenliegenden Plattform noch.

Jetzt werden die Zündschnüre vorbereitet. Zweimal fünf Meter für die erste Ladung und zweimal vier Meter für die zweite. „Zwei Minuten benötigt ein Meter Zündschnur zum Abbrennen“, erklärt Hans Brombeis. Die Geschwindigkeit der Sprengbahn und die Zeit des Abbrennens der Zündschnur stehen in einem genau berechneten Verhältnis zueinander.

Mit Hilfe von einem  Sicherheitswerkzeug werden die Sprengkapseln auf die Zündschnüre, hinter dem Rücken des Sprengmeisters, gepresst. Sollte einmal eine Kapsel ungewollt losgehen, so kann der Druck durch das Sicherheitswerkzeug entweichen. Die Quetschzange sieht aus wie ein Hammer mit einem durchgehenden Loch längs des Metallteiles. Als nächstes werden die Sprengkapseln in den Sprengstoff gesteckt (jeweils zwei Kapseln pro Ladung) und die Zündschnüre um die Stangen gewickelt, anschließend mit Klebeband fixiert. Auch hier zeigt sich wieder das Zusammenspiel des Sprengmeisters mit seinem Helfer.

Plattform 

Jetzt wird es ernst. Auf die erhöhte Plattform (wie ein Aussichtsturm) der Sprengbahn, wird ein ca. 30 Kilogramm schwerer Wasserdichter Kasten geschleppt, an den später die Ladungen angebracht werden. Dieser Metallkasten ist vollgestopft mit Elektromotoren. Schützsteuerungen, Uhren und den Stromversorgungsbatterien. Der Kasten wird am Drahtseil der Sprengbahn festmontiert, die erste Ladung an einer dünnen Schnur unterhalb des Elektrokastens, welche über einen kleine Seilrolle aufgezogen und abgelassen werden kann. Ein Probelauf der Bahn, um diese von Eis und Schnee zu befreien, und los geht’s.  

Sprengung

 „Alles klar, Straße gesichert“ tönt es durch die Funkgeräte. Nach Rücksprache mit unseren Sicherungsposten auf der Straße beginnt der Countoun. Die Zündschnüre werden angezündet und die Bahn in Betrieb gesetzt. „In zehn Minuten krachts“ sagt Johann Brombeis. „Wie sind die Einstellungen des Schaltkastens“ will ich wissen. „Fünf Minuten benötigt die Bahn um an ihr vorbestimmtes Ziel zu gelangen“ erläutert Johann Brombeis.“ Anschließend wird die Sprengladung automatisch bis auf die Schneedecke ab gesenkt. Dann schaltet ein elektrischer Endschalter die Seilspule um, und die Ladung wird wieder ca. zwei Meter oberhalb der Schneedecke gezogen, wo sie dann detoniert. Die Druckwelle löst die Lawine aus.“

Ich sehe in die Bergschneise. Jetzt, ein Blitz! Anschließend etwas zeitverzögert durch die Entfernung, ein lauter, dumpfer Knall. Exakt 10 Minuten nach Anzünden der Zündschnur ist die Ladung explodiert. „Da, da drüben!“ Ohrenbetäubend donnert die Lawine ins Tal. Faszinierend. Ich bin schon das dritte mal dabei und immer wieder meine ich, es wäre die größte Lawine die ich je gesehen habe. Die wenn unkontrolliert abgegangen wäre. Nicht auszudenken was diese für einen gewaltigen Schaden hätte anrichten können, geschweige denn sogar Menschenleben kosten hätte  können. Schließlich wird die Straße täglich benützt. Viele Skifahrer oder Winterwanderer, oft Gruppenweise, müssen diese Zufahrtsstraße zu den Berghütten benützen. Bis aus Norddeutschland kommen die Urlauber hierher. Ich selbst kenne das Wander- und Schigebiet rund um den „Falken“ ebenfalls sehr gut. Ein bis zweimal pro Jahr komme ich hierher um zu Wandern und auch auf eine der zahlreichen Berghütten und Almen zu einer kleinen Brotzeit einzukehren. Sepp der Hüttenwirt ist uns Lindauer THWlern nur allzu gut bekannt. Jeder von uns war bestimmt mindestens einmal in seinem Leben bei ihm zu Gast. Heute jedoch sind wir mit einem THW Auftrag hier oben bei ihm. 

Beeilung

 „Norbert, bring die zweite Ladung rauf“ tönt Hans Brombeis. „Das Wetter verschlechtert sich“. Mittlerweile 16.00 Uhr geworden, ziehen Nebelschwaden auf. Der Wind wird stärker. Auch wird es spürbar kälter. Die Baumreihe die ca. 80 Meter von uns entfernt steht kann ich nur noch schemenhaft erkennen.

Alles klar. Zweite Ladung am Elektrokasten befestigt, Zündschnur anzünden und los geht’s. Da die Zündschnur jetzt nur acht Minuten zum Abbrennen braucht, wird sie an einer anderen Stelle des Lawinengefährdeten Hanges gezündet.

Wieder ein Blitz, anschließend der Knall. Ein grollen in den Berggipfeln lässt das Abgehen einer kleineren Lawine erahnen. Sehen können wir sie nicht mehr. Das Wetter hat sich zusehend verschlechtert und außerdem ist es schlagartig dunkel geworden. In den Bergen geschehen Wetterwechsel sehr schnell.  

Auftrag beendet 

Über Funk geben wir die erfolgreichen Sprengungen durch, so dass die Straßensicherungen aufgehoben werden können. Der Elektrosteuerungskasten wird von der Seilbahn demontiert und das Dieselaggregat abgestellt. Jetzt noch die Rucksäcke mit dem Sprengwerkzeug verpacken und fertig! Sepp ist mittlerweile auch wieder eingetroffen. Dieses mal mit einem Motorschlitten auch „Skidoo“ genannt. Wir nehmen zu dritt darauf Platz. Johann Brombeis hat seine Skier mit und hält sich an einer Leine fest um hinterher gezogen zu werden. Mehr als drei Leute haben hier keinen Platz auf dem Motorschlitten. Wir queren die Stelle an der die Lawine abging. Gigantisch! Riesige Schneemassen türmen sich auf. Morgen früh muss die Straße erst einmal wieder Plattgewalzt bzw. geräumt werden. In der Berghütte, Sepps Heimat, angekommen, gibt es erst einmal eine kleine Brotzeit. Gott sei Dank Zeit sich aufzuwärmen. Ich bin schon ziemlich durchgefroren. Johann Brombeis schreibt die erfolgreiche Sprengung in ein großes Auftragsbuch ein. Das verbrauchte Sytex, Zündschnüre, Sprengkapseln und sonstige Vorkommnisse werden genau festgehalten und dokumentiert. Alles muss seine Ordnung haben. 

Heimfahrt

 Nachdem unsere Glieder wieder einigermaßen aufgetaut sind geht’s zur Heimfahrt. Wir nehmen wieder zu dritt Platz auf dem „Skidoo“, Hans Brombeis auf seinen Skiern wird hinterher gezogen. In rasanter Fahrt geht’s hinab ins Tal, wo wir direkt zu unserem Auto gebracht werden.

Zu Hause angekommen ein Blick auf die Uhr. 20.00 Uhr! Vor sieben Stunden sind wir aufgebrochen. Kaum zu glauben wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt spüre ich die Strapazen in meinen Knochen. Macht nichts! Trotz alledem war es wieder ein Erlebnis das ich nicht missen möchte.

Gerade das Lawinensprengen ist auch eine THW Aufgabe die nicht allzu bekannt ist. Daher ist dieser Artikel all denjenigen gewidmet, die Winter für Winter, Tag und Nacht, selbst am Heiligen Abend und in der Silvesternacht ausziehen, um freiwillig und ehrenamtlich ihren Beitrag leisten eine drohende Gefahr für andere Mitmenschen auf ihr Leib und Leben zu mindern bzw. zu beseitigen. 

Hans Brombeis; Michael Polter; Norbert Landerer (Autor)

Ansprechpartner: Johann Brombeis (Sprengberechtigter)