Gefahrgut-Einsatz (aus Lindauer Zeitung vom 04.10.2006)

Der Unfall ist zum Glück nur eine Übung

LINDAU – Schreckensszenario im Dornacher Wald: verkeilte Autos, blutüberströmte Gesichter und ein gestrandeter LKW mit heimtückischen Chemikalien. Hilfskräfte aus dem gesamten Landkreis rücken mit schwerem Gerät an und kämpfen um das Leben der Opfer. Alles geschieht so realitätsnah – man könnte glatt vergessen, dass es sich nur um eine Übung handelt.

Von unserem Mitarbeiter Erich Nyffenegger

Was muss alles geschehen, damit ungefähr 250 Retter und Helfer von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk (THW), Katastrophenschutz, Polizei und Bayrischem Roten Kreuz (BRK) ausrücken? Ein Flugzeugabsturz? Wirbelsturm? Terroranschlag? Von wegen: Es reichen zwei zusammengeprallte Autos und ein LKW im Straßengraben, der es in sich hat: Gefahrgut heißt die Bedrohung.

Dieses Bild bietet sich den Einsatzkräften am Montagabend im Dornacher Wald, genau gegenüber dem kleinen Hügel, den Kinder im Winter auf ihren Schlitten hinunterreiten. In der Ferne schimmern die Lichter vom österreichischen Hohenweiler herüber. Der Himmel sieht aus, als wolle er gleich jede Menge Regen fallen lassen. „Dass wäre ganz schlecht“, sagt Kreisbrandrat Friedhold Schneider und wirft einen skeptischen Blick nach oben. „Dann würden die ausgelaufenen Chemikalien in die Luft gehen.“

Natürlich nicht wirklich. Aber es gibt in der Tat Substanzen, die in Verbindung mit Wasser explodieren. Und auch wenn es nicht der Ernstfall ist: Den Helfern ist das nicht anzumerken, sie zeigen vollen Einsatz. Natürlich auch Kreisbrandinspektor Wolfgang Endres, der die Gefahrgut-Großübung sozusagen choreographiert hat.

Es ist 20 Uhr, noch immer treffen Fahrzeuge der insgesamt elf teilnehmenden Feuerwehren ein. Die Polizei hat das Teilstück der B 308 schon abgesperrt. Zwischen den Kreuzungen Schlachters und Niederstaufen geht nichts mehr. Friedhold Schneider erklärt: „Wenn Gefahrgut im Spiel ist, dann können die Retter nicht so einfach zur Unfallstelle vorrücken.“ Giftige Dämpfe könnten in der Luft liegen, Brand- und Explosionsgefahr wären nicht auszuschließen. Was also tun?

Zuerst erhellen Fahrzeuge des THW mit riesigen Leuchten die düstere Nacht. Rings um den Wagen der Einsatzleitung schwirren die Helfer scheinbar chaotisch durcheinander. Doch eine ordnende Hand liegt jeder Aktion zu Grunde. Dort zwängen sich Retter in grüne Schutzanzüge, scherzhaft Ganzkörperkondome genannt. Wieder andere Feuerwehrleute stülpen einen Anzug gegen Hitze über. Sie sehen aus, als arbeiteten sie an einem Hochofen. Wie Außerirdische muten die vermummten Helfer an.

Pumpen machen Gift unschädlich

Dann rücken sie zur weiträumig abgesperrten Unfallstelle vor. Sie haben riesige Lüfter bei sich, andere Feuerwehrleute mit Sauerstoffflaschen tragen flugs Schläuche zu den Geräten. Denn: Die Ventilatoren sollen die gefährliche Luft von den Autowracks wegblasen, damit die Retter nicht durch die giftigen Dämpfe aus den Latschen kippen. Wegen der Brandgefahr darf aber auch kein Elektromotor in der Nähe sein. Selbst der winzigste Funke könnte verheerende Auswirkungen haben. Deshalb die Schläuche. Sie werden angeschlossen, das Wasser treibt dann die Turbinen an, und die Ventilatoren laufen.

Jetzt ist es Zeit, die Unfallopfer endlich aus den Fahrzeugen zu bergen: Drei Frauen mit teils blutigen Wunden holen die Helfer aus den Wagen. Behutsam werden sie auf Tragen gebettet und aus der explosiven Gefahrenzone abtransportiert. Und während die Sanitäter sich um die Verletzten kümmern, machen sich die Helfer daran, den LKW zu öffnen. Vorsichtig entladen sie die unversehrten Fässer; die beschädigten Giftbehälter müssen sie durch Abpumpen unschädlich machen. Ein martialisches Geräuschorchester aus Kranfahrzeugen, Generatoren und Pumpen reißt die Stille der Nacht entzwei.

Aber die Mühe hat sich gelohnt: Nach mehr als vier Stunden geht die Übung zu Ende. Eine Übung, die mit dazu beiträgt, den hohen Sicherheitsstandard im Landkreis zu erhalten und auszubauen, sagt Friedhold Schneider. Er ist mit dem Einsatz zufrieden. Die Feuerwehrleute räumen das Material zusammen und klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Sie haben sich in dieser Nacht als würdig erwiesen, so viel Vertrauen in der Bevölkerung zu genießen. Gerade auch für den echten Notfall.

Ziemlich verkeilt: An diesem Szenario üben die Helfer, was bei einem Ernstfall zu tun ist. LZ-Foto: Reiner Roither
     


     
THW-Fotos: Knappmeier/ Landerer

In der Opferrolle  (aus Lindauer Zeitung vom 04.10.2006)

Zwei Stunden im Wrack sind lang

Fast zwei Stunden hat Daniela Halbing während der Katastrophenschutzübung im Dornacher Wald in einem Autowrack zugebracht. Auf ihrer Stirn prangt eine Schnittwunde, bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Verletzung aber als Make-Up aus Knetmasse und Kunstblut.

Die 18-jährige Lindauerin hat ihre Rolle als Unfallopfer überzeugend gespielt. Das findet auch Rettungssanitäter Fritz Achberger aus Weiler. Er verarztet die Patientin, die in Isolierfolie eingewickelt im Krankenwagen auf der Trage liegt. Zuvor hat sie geraume Zeit in einem Unfallwagen verbracht, wild geschminkt und hilflos, außerdem in unangenehmer Körperhaltung. Selbst jetzt noch kann man ihre Anspannung spüren. Pflichtgemäß hat sie sich wie ein Opfer verhalten: Langsame Antworten, Stöhnen und ängstliches Gucken – so die Auszüge aus ihrem schauspielerischen Repertoire. Eigentlich ist die Übung für sie nun vorbei, aber sie hat offensichtlich Mühe, sich von ihrer Rolle loszulösen, mit dem Lächeln klappt es nur zögerlich. „Das war die erste Übung dieser Art für mich“, sagt die junge Frau, die sich in einer Jugendgruppe des Roten Kreuzes engagiert. So kam es auch, dass sie zum Opfer auserkoren wurde. „Sie ist zeitlich und örtlich nicht orientiert, außerdem hat sie ein Brillen-Hämatom“, doziert Fritz Achberger. Gemeint sind blau gefärbte Schwellungen um die Augen. Diese Verletzungen weisen auf einen möglichen Schaden am Schädel hin. „Sie müsste also in ein Krankenhaus mit Intensivstation“, so der Sanitäter weiter. Obwohl alles nur eine Übung war: „Wenn man so in dem Fahrzeug eingeklemmt ist, dann kriegt man mit der Zeit schon ein Gefühl dafür, wie es wohl ist, wenn man tatsächlich nicht mehr raus kann und auf Hilfe warten muss.“ Gerade, wenn die Kollegin, die mit Daniela im Fahrzeug eingesperrt war, ihrer Rolle gemäß laut jammert und stöhnt.

Daniela Halbing findet es wichtig, dass es realistische Katastrophenschutzübungen gibt. Wenn bei solch einem Einsatz alles gut funktioniert, fühle man sich einfach sicherer. Ein gutes Gefühl zu wissen, dass im Notfall jemand zur Stelle ist. Jetzt aber ist sie froh, endlich wieder aufstehen zu dürfen. (nyf)