Wehrpflicht: Wenn Oma nicht mehr zum Supermarkt kommt
Quelle: Lindauer Zeitung vom 16.12.2010

Lindau – Als das Bundeskabinett die Aussetzung der Wehrpflicht zum 30. Juni 2011 beschlossen hatte, sind noch viele Fragen offen geblieben. Die meisten davon wird die Bundesregierung nicht selbst beantworten müssen, sondern sie müssen – mal wieder – vor Ort beantwortet werden. Denn mit der Aussetzung der Wehrpflicht, werden auch die Hilfsorganisationen geschwächt. Denn ob Pflegedienst oder Katastrophenschutz, Sozialstation oder Rettungsdienst: Überall sind entweder Zivildienstleistende eingespannt, oder aber Verpflichtete, die durch ihre Arbeit für den Katastrophenschutz dem Wehrdienst entgehen.

Wer sich zuletzt vier Jahre beim Technischen Hilfswerk (THW), bei der Feuerwehr oder dem Roten Kreuz für den Katastrophenschutz verpflichtete, brauchte nicht zur Bundeswehr. Oft bleiben diese Verpflichteten dann länger. „Natürlich bereitet uns die Aussetzung der Wehrpflicht gewisse Sorgen. Es kann schon sein, dass wir dadurch nicht mehr so viele Helfer bekommen“, sagt Andreas Bucher vom THW.

Optimusmus hier, Besorgnis da

Für das Lindauer THW ist er dennoch optimistisch: „Wir setzen schon seit Jahren auf eine attraktive Ausbildung. Zudem betreiben wir viel Jugendarbeit.“ 55 aktive Helfer sind es derzeit in Lindau, dazu kommen 20 Jugendliche in zwei Jugendgruppen. „Wir versuchen, Angebote zu machen, die über den Katastrophenschutz hinausgehen“, sagt Bucher. Zudem hat Lindau aufgrund seiner Lage auch interessante Betätigungsfelder, wie die Taucherguppe, die internationale Ölwehr mit zwei Booten und das Gerät für schwere Bergung auf der Autobahn.

Feuerwehrkommandant Robert Kainz kann die Entwicklung locker sehen: „Wir sind davon nicht betroffen“, sagt er.

Das Bayerische Rote Kreuz und die Sozialstation schauen mit äußerst gemischten Gefühlen in die Zukunft. „Möglicherweise können wir bestimmte Angebote nicht aufrecht erhalten“, sagt Georg Schwarz, zuständig für „Essen auf Rädern“ und die Einteilung der Zivis bei der Sozialstation. „Die Aussetzung der Wehrpflicht hat uns nicht überrascht, weil bereits seit zehn Jahren über ihre Abschaffung diskutiert wird“, sagt Schwarz. Derzeit hat er zwei Zivildienstleistende und zwei Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) in seinem Bereich. Die FSJler haben aus Sicht der Einrichtungen einige Vorteile. Zuletzt dauerte der Zivildienst nur sechs Monate. Davon waren die Zivis meist einen Tag im Urlaub oder auf Fortbildungen. „Zieht man die Einarbeitungszeit noch ab, dann war der Aufwand sehr hoch“, so Schwarz. Doch weiß er nicht, ob er genug FSJler findet, die auch ohne drohenden Ersatzdienst bereit sind, sich zwölf Monate in den Dienst der Gesellschaft zu stellen.

Doppelt betroffen

„Wir müssen auch darüber nachdenken, ob es dann noch möglich ist, die Oma in den Supermarkt zu fahren oder mit alten und behinderten Menschen spazieren zu gehen“, sagt Schwarz, ohne ein Horror-Szenario an die Wand malen zu wollen.

Wolfgang Fischer, Geschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Lindau, teilt die Sicht von Schwarz. Seine Organisation ist doppelt betroffen. Denn zum einen könnten die Verpflichteten für den Katastrophenschutz wegfallen, zum anderen werden ihm die Zivis fehlen. „Ob wir das alles über FSJler ausgleichen können, ist fraglich“, sagt er.

Hoffen auf Freiwillige

Weniger bange ist ihm im Rettungsdienst, wo derzeit drei Zivis Dienst tun. „Da finden wir wahrscheinlich schon jemand. Wer zum Beispiel ein Medizinstudium anstrebt, dem bringt dies durchaus etwas“, sagt er. Schwieriger werde es im Bereich des Fahrdienstes. Den leisten derzeit überwiegend bis zu zehn Zivis in Lindau. „Bis 30. Juni haben wir noch Zivis, dann müssen wir wohl auf geringfügig Beschäftigte umstellen“, sagt er. Für das BRK heißt dies steigende Kosten. Mit 20 000 Euro Mehrausgaben rechnet Fischer allein für das zweite Halbjahr 2011.

Hoffnungen setzt er auf den Bundesfreiwilligendienst, der kommen soll. Doch es ist unklar, wer sich bewirbt, denn es wird keine Altersbeschränkung mehr geben. „Es kann sein, dass da Rentner kommen oder auch Langzeitarbeitslose. Das wird man sehen müssen.“ Für die Planungen ist die Situation extrem schwierig. „So genau weiß niemand, wie es weitergehen soll“, sagt Fischer. Die Antwort auf seine Fragen wird er vermutlich, wie seine Kollegen vor Ort, selbst finden müssen.“